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Technology
Martin Bachmann 13. Juni 2026

KI als Munition: Wie Washington Anthropic den Stecker zieht – und was das für Europa bedeutet

Fable 5 und Mythos 5 sind gesperrt – nicht wegen eines Bugs, sondern wegen eines Beamten in Washington.

KI als Munition: Wie Washington Anthropic den Stecker zieht – und was das für Europa bedeutet

Gestern Morgen haben wir bei Evoya Claude Fable 5 und Mythos 5 – die brandneuen Flaggschiffmodelle von Anthropic – für unsere Nutzerinnen und Nutzer aufgeschaltet. Die Begeisterung war gross: Fable 5 gilt als das bis dato leistungsfähigste Sprachmodell, das je öffentlich verfügbar gemacht wurde, und wir waren stolz, es so schnell im Evoya Workspace live zu haben. Ein paar Stunden später mussten wir es wieder deaktivieren. Nicht wegen eines technischen Problems. Sondern weil das US-Handelsministerium (Commerce Department) Anthropic per Direktive angewiesen hatte, den Zugang für alle Nicht-US-Bürger weltweit zu sperren – und zwar sofort.

Kein technischer Vorfall. Ein politisches Signal. Und es sollte jeden in Europa aufhorchen lassen.

Was genau passiert ist

Am 12. Juni 2026 – drei Tage nach dem Launch von Fable 5 und Mythos 5 – erhielt Anthropic an einem Freitagabend eine Direktive des US Commerce Department. Der Inhalt: Kein Zugang mehr für «foreign nationals» (Nicht-US-Bürger), egal wo auf der Welt sie sich befinden. Und nicht nur für externe Kunden: Auch Anthropic-eigene Mitarbeitende ohne US-Staatsbürgerschaft waren von der Direktive betroffen.

In ihrem offiziellen Statement schreibt Anthropic, man sei mit der Direktive nicht einverstanden. Die staatliche Begründung – eine angebliche Jailbreak-Technik, mit der sich die Sicherheitsmechanismen des Modells umgehen liessen – sei «narrow» und «non-universal». Andere öffentlich verfügbare Modelle könnten ähnliche Schwachstellen haben, ohne dass je jemand eingeschritten wäre. Anthropic hält die Reaktion für klar unverhältnismässig.

Trotzdem folgte Anthropic der Direktive. Und entschied sich dabei für den sicheren Weg: Sperrung des Zugangs für alle Nutzer – auch US-Bürger – um jedes Risiko einer versehentlichen Weitergabe auszuschliessen. Fable 5 und Mythos 5, gerade erst als Kronjuwelen im Modellportfolio gefeiert, sind damit für die gesamte internationale Kundschaft vom Netz.

Pikant dazu: Dies geschieht vor dem Hintergrund einer bereits angespannten Beziehung zwischen Anthropic und der Trump-Administration. Das US-Verteidigungsministerium hatte Anthropic laut Medienberichten zuvor als «supply chain risk» eingestuft – eine Bezeichnung, die eigentlich für feindliche ausländische Akteure reserviert ist. Anthropic hat dagegen geklagt.

Den Kontext für die US-Bedenken liefert Project Glasswing: Anthropic hatte das Programm lanciert, nachdem ihr Modell Claude Mythos in der Lage war, automatisiert Softwarelücken in fremden Codebases aufzuspüren – und dabei in nur einem Monat über 10'000 kritische Sicherheitslücken in realen Systemen identifiziert hatte, darunter in kritischer Infrastruktur wie Energie-, Wasser- und Gesundheitsversorgung. Glasswing sollte genau diese Fähigkeit zum Guten nutzen: systematisch Schwachstellen finden, bevor es Angreifer tun. Doch dieselbe Erkenntnis machte deutlich, was passiert, wenn ein solches Modell in den falschen Händen landet. Anthropic selbst warnte, dass bald viele Anbieter ähnlich leistungsfähige Modelle haben werden – möglicherweise ohne dieselben Sicherheitsvorkehrungen. Aus US-Sicht ist das offenbar Argument genug, um Fable 5 und Mythos 5 schnellstmöglich einzusperren.

Déjà-vu: Wir waren schon mal hier

Wer die Geschichte der Technologie kennt, reibt sich die Augen. Das haben wir schon einmal erlebt – nur hiess der Protagonist damals nicht «Fable 5», sondern PGP.

1991 veröffentlichte Phil Zimmermann Pretty Good Privacy, ein Programm zur starken Verschlüsselung von Kommunikation. Was er nicht ahnte: In den USA galt starke Kryptographie nach dem Export Administration Act als Munition – gleichgestellt mit Panzerabwehrraketen. Der Export war verboten. Zimmermann wurde jahrelang von US-Behörden unter Druck gesetzt, weil sein Code die Landesgrenze «überquert» hatte.

«Until 1996, cryptographic tools were classified as munitions in the United States, with strict limits on the type of encryption that could be exported.»

Die Parallelen zu heute sind frappant:

1990er – Kryptowars 2026 – KI-Exportkontrolle
Starke Verschlüsselung = Munition Frontier-KI-Modelle = Sicherheitsrisiko
PGP-Export verboten Fable 5 / Mythos 5 für Non-US gesperrt
Begründung: Nationale Sicherheit Begründung: Nationale Sicherheit
Phil Zimmermann unter Druck Anthropic unter Druck
Ergebnis: Liberalisierung 1999 Ergebnis: noch offen – Vorzeichen beunruhigend

Die Kryptowars endeten mit einer Niederlage für die Kontrolleure: 1999 wurden die Exportbeschränkungen weitgehend aufgehoben, weil die USA erkannt hatten, dass sie die Verbreitung starker Kryptographie nicht aufhalten konnten – und dabei nur ihrer eigenen Industrie schadeten. Ob dieser Lernprozess bei KI schneller geht? Im Moment sieht es nicht danach aus.

Was das für die Schweiz und Europa bedeutet

Ein Satz bringt es auf den Punkt: Zugang zu Top-KI hängt ab sofort am Pass, nicht am Abo.

Das ist keine Übertreibung. Wir bezahlen für Anthropic-Zugang, haben Verträge, sind zuverlässige Kunden – und trotzdem kann uns von einem Tag auf den anderen der Zugang entzogen werden, weil ein Beamter in Washington eine Direktive unterschreibt. Als Schweizer Unternehmen haben wir schlicht nichts zu sagen.

Das offenbart ein strukturelles Problem, das weit über diesen Einzelfall hinausgeht: Europa ist im Bereich KI nicht souverän. Wir haben keine eigenen Frontier-Modelle, die mit GPT-5, Gemini Ultra oder Fable 5 mithalten können. Es gibt ermutigende Ansätze – Mistral aus Frankreich macht bemerkenswerte Fortschritte, und verschiedene europäische Open-Source-Initiativen wachsen heran – doch an der absoluten Leistungsspitze fehlt Europa noch immer. Was wir tun können, ist unsere Lieferanten zu diversifizieren: statt nur auf einen US-Anbieter zu setzen, auf ein breites Portfolio aus US-, europäischen, Open-Source- und On-Premise-Modellen zu setzen. Genau das tun wir bei Evoya.

Aber wir machen uns nichts vor: Diversifikation ist kein Ersatz für Souveränität. Es ist die beste verfügbare Strategie – solange echte digitale Unabhängigkeit Europas eine Wunschvorstellung bleibt.

Die ungewollte Konsequenz: China profitiert

Hier liegt die eigentliche Ironie. Die USA begründen die Exportkontrolle mit nationaler Sicherheit. Doch was passiert, wenn europäische und asiatische Nutzer keinen Zugang mehr zu den besten US-Modellen haben? Sie weichen aus.

Deepseek, Qwen, Baidu Ernie – chinesische Anbieter haben in den letzten 18 Monaten massiv aufgeholt. Deepseek etwa hat mit seinen R1- und V3-Modellen eindrücklich bewiesen, dass Weltklasse-KI nicht mehr zwingend aus dem Silicon Valley kommen muss. Diese Modelle sind leistungsstark, günstig – und verfügbar, ohne Passprüfung. Die US-Exportkontrolle, die verhindern soll, dass «gefährliches KI-Wissen» in falsche Hände gerät, treibt die internationale Nutzerbasis direkt in die Arme chinesischer Alternativen. Das dürfte das genaue Gegenteil von Washingtons erklärtem Ziel sein – zumindest wenn man den offiziellen Begründungen Glauben schenkt.

Wie bei den Kryptowars der 90er zeigt sich: Technologie lässt sich nicht im nationalen Gehege halten. Die Frage ist nur, wer von der Lücke profitiert, die man hinterlässt.

Unsere Antwort

Für Evoya ändert sich die Richtung nicht – aber dieser Vorfall bestätigt unseren Kurs. Wir integrieren konsequent Modelle aus verschiedensten Quellen: US-Anbieter wie Anthropic, OpenAI und Google, aber auch europäische Modelle, offene Alternativen sowie Schweizer und EU-lokale Deployments für Situationen, wo Datenschutz und Verfügbarkeit nicht verhandelbar sind. Genau dafür steht übrigens unser Evoya Privacy Shield: Kundendaten werden automatisch anonymisiert, bevor sie irgendein Modell – egal woher – zu sehen bekommt.

Fable 5 und Mythos 5 werden wir aufschalten, sobald Anthropic den internationalen Zugang wieder freigibt. Wir beobachten die Lage täglich.

Was dieser Vorfall langfristig bedeutet, werden wir alle noch spüren: Die Ära, in der KI-Modelle selbstverständlich für alle verfügbar waren – wie das offene Internet –, könnte gerade enden. Und das, ausgerechnet, durch das Land, das das offene Internet zur globalen Infrastruktur gemacht hat.


Geschichte wiederholt sich. Damals war es PGP. Heute ist es Fable 5. Der Unterschied: Diesmal geht es nicht um Privatkommunikation – sondern um die intellektuelle Infrastruktur der Weltwirtschaft. Was denkst du: Wie sollte Europa darauf reagieren?